KÜNSTLER-INTERVIEW MIT LARA SIMONS
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Frage: Was hat dich zur Kunst gebracht?
Antwort: Kunst ist für mich kein romantisches Selbstfindungsprojekt oder Hobby zum Zeitvertreib. Sie ist aus einer konkreten Lebenssituation heraus notwendig geworden.
Kunst war immer da – seit meiner Jugend – aber sie stand lange nicht im Vordergrund. Ich wollte erst ein Fundament, das unabhängig von Kunst tragen kann. Also habe ich Erziehungs- und Bildungswissenschaft studiert und mein Studium mit einem Master abgeschlossen, während tief in mir immer das Wissen vorhanden war, dass Kunst irgendwann ein zentraler Bestandteil meines Lebens werden würde.
Dann befand ich mich über einen längeren Zeitraum in einer Lebenskonstellation, in der Verantwortung und Macht ungleich verteilt war. Ich trug Organisation, Alltag, Fürsorge und Struktur allein, während gleichzeitig von mir erwartet wurde, mich komplett zurückzunehmen, zu unterwerfen und bloß zu funktionieren. Diese Situation war fundamental zermürbend.

Kunst begann in dieser Phase nicht als Karriereplan, sondern als existentielle Notwendigkeit. Ich hatte kaum Zeit, kaum Raum und kaum Ressourcen. Aber ich brauchte einen Bereich, der mir geistige Eigenständigkeit bewahrte.
Ich begann zu malen – zunächst unsicher und ohne Anspruch. Nicht mit dem Ziel, Künstlerin zu werden, sondern um innerlich nicht vollständig zu verschwinden. Rückblickend wurde mir klar, dass diese Lebensumstände nicht die Kunst erschaffen haben, sondern mich dazu gebracht haben, endlich den Raum zu öffnen, der in mir bereits angelegt war.

Parallel dazu spielte ein weiteres Thema eine Rolle: das Fliegen.
Gleitschirmfliegen begleitet mich seit meiner Kindheit.
Es war für mich immer ein Ort der Klarheit:
Abheben, Distanz, Ruhe, Überblick - ein Raum, in dem man mit der Natur eins wird.
Auch in einer Phase, in der ich selbst lange nicht fliegen konnte als junge Mutter ohne Unterstützung, blieb dieses Motiv präsent als Motivation.
Rückblickend sehe ich, dass sich diese beiden Ebenen verbunden haben:
Kunst und das Thema des Fliegens wurden zu Formen, in denen ich wieder Haltung einnehmen konnte.
Ich erzähle diese Geschichte, weil ich verstanden habe, dass viele Menschen – insbesondere Frauen – weltweit in ähnlichen Konstellationen gefangen sind. Ich konnte gehen, als klar wurde, dass sich nichts verändert, weil ich durch Recht und gesellschaftliche Strukturen geschützt bin. Vielen Menschen ist dieser Schritt nicht möglich.
Was mir in dieser schwierigen Zeit Kraft gegeben hat waren Menschen, die nicht weggeschaut haben und mir innerlich Halt gegeben haben, um meiner inneren Wahrnehmung zu vertrauen. Dafür bin ich euch dankbar.

Diese Geschichte öffentlich zu erzählen, kostet Mut. Sie nicht zu erzählen würde bedeuten,
einen strukturellen Zusammenhang unsichtbar zu lassen.th
In dem Moment des Malens war mir die Wahl meines Motives häufig nicht ganz bewusst. Im Rückblick sehe ich doch sehr viel dieses Erlebens des Bewusstseins, des Aufbruchs und der inneren Stärke in meinen Motiven.
Heute verstehe ich Kunst nicht nur als Ausdruck, sondern als Erkenntnisraum. Kunst ermöglicht mir, Mehrdeutigkeit zuzulassen, Widersprüche nebeneinander stehen zu lassen und Form entstehen zu lassen. Bilder können komplexe Gedanken sichtbar machen, die sich sprachlich oft nicht vollständig erfassen lassen, und dadurch auch für andere Menschen zugänglich werden.
Für mich entsteht Kunst dort, wo innere Zustände Resonanz in anderen Menschen auslösen – wo jemand sich selbst darin wiederfinden kann.
In diesem Sinne berührt Kunst für mich eine Form von kollektivem Bewusstsein: etwas Gemeinsames, das jenseits von Sprache existiert.